PETER SCHNEIDER

Universität Bremen: Freud, Ferenczi und die psychoanalytische Technik

Kompaktseminar 9., 10., 11. Februar 2008 (jeweils ganztägig), Beginn: 11 Uhr,
Ort: Jugendhaus Buchtstr. (s.u.)

Wodurch wirkt die Psychoanalyse als Therapie? Die „klassische" Antwort lautet: Durch das erinnernde Bewusstmachen eines „überlebten“ verdrängten infantilen Konflikts. Doch das scheint – bestenfalls- die halbe Wahrheit zu sein. In seiner Schrift „Das Unbewusste“ zum Beispiel erörtert Freud, was geschieht, wenn man einem Patienten eine „von ihm verdrängte Vorstellung, die man erraten hat, mitteilt“. Seine Antwort lautet, dass dies keine Veränderung des psychischen Zustandes bewirke, und zwar, weil „die Identität der Mitteilung mit der verdrängten Erinnerung des Patienten nur eine scheinbare ist. Das Gehörthaben und das Erlebthaben sind zwei nach ihrer psychologischen Natur ganz verschiedene Dinge, auch wenn sie den nämlichen Inhalt haben.“ Wie kann die Psychoanalyse als reine „Sprechkur“ dann aber psychische Veränderungen bewirken? (In seiner Theorie des Witzes hätte Freud ein Modell dafür gehabt, wie Sprache und Erleben – in diesem Fall das Lachen - miteinander verknüpft sind; doch wertet er dieses Modell nirgendwo systematisch im Hinblick auf die Wirkung der analytischen Therapie aus.) Statt bloß zu sagen, was er leidet, agiert der Analysand bekanntlich und statt sich sprechend an vergangene Ereignisse zu erinnern, wiederholt er sie in der Gegenwart (der sogenannten Übertragung). Und dies ist, wie Freud in „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ schreibt, nicht etwa die Ausnahme, sondern die Regel. In „Jenseits des Lustprinzips“ radikalisiert Freud diese Auffassung, indem er nun noch ergänzt, vielleicht könne „gerade das Wesentliche“ des Verdrängten nicht erinnert, sondern nur wiederholt werden. Es scheint, als ob die Psychoanalyse eigentlich nur für den Analytiker eine Sprechkur sei, während der Analysand vor allem und wesentlich die Rolle des Handelnden einnimmt. Was für Freud vor allem ein theoretisches Problem darstellt, wird für seinen Schüler Sandor Ferenczi zum Mittelpunkt seines therapeutischen Interesses. Ferenczi sucht das Veränderungspotential der psychoanalytischen Behandlung vor allem in deren „Erlebnisdimension“, um den von Ihnen angeführten Begriff aufzunehmen. Durch eine therapeutische Technik eines kontrollierten „Gewährenlassens“, die Ferenczi „neokathartisch“ nennt, sollen die traumatischen Beschädigungen des Patienten in der aktuellen therapeutischen Erfahrung konterkariert und damit geheilt werden. Solche gutgemeinte Bemutterung und Bevaterung des Patienten ist Freuds Sache nicht: „Sie haben kein Geheimnis daraus gemacht, dass Sie Ihre Patienten küssen und sich von Ihnen küssen lassen … Nun bin ich gewiss nicht derjenige, der aus Prüderie … so kleine erotische Befriedigungen ächten würde.“ Aber bald „werden wir das ganze Repertoire des Demiviergetums und der petting-parties in die Technik der Analyse aufgenommen haben, mit dem Erfolg einer grossen Steigerung des Interesses an der Analyse bei Analytikern und Analysierten.“ Und Godfather Ferenczi wird vielleicht auf die belebte Szene blickend, die er geschaffen hat, sich sagen: Vielleicht hätte ich mit meiner Technik der Mutterzärtlichkeit doch vor dem Kuss haltmachen sollen.“ Die teils plausiblen, teils abenteuerlichen technischen Experimente Sandor Ferenczis sowie sein Versuch, zusammen mit Otto Rank in einer Re-Lektüre von Freuds „Erinnern …“-Aufsatz, den „Entwicklungszielen der Psychoanalyse“ ein theoretisches Fundament zu verleihen, verdienen es nach wie vor, als substantieller Beitrag zur psychoanalytischen Theorie und Praxis gewürdigt zu werden.

Diese Veranstaltung richtet sich keineswegs nur an fortgeschrittene Semester und die (natürlich wie immer gern gesehenen) „üblichen Verdächtigen“ meiner bisherigen Seminare. Neulinge sind herzlich willkommen. Die vorgängige Lektüre meiner kleinen Freud-Darstellung (Sigmund Freud, München: dtv, 3. Aufl. 2006) oder einer ausführlicheren Freud-Biographie wie der von Ernest Jones oder Peter Gay dürfte ihnen den Einstieg erleichtern. Es wäre schön, wenn sich einzelne Teilnehmer als Referenten für je einen Teil der Literatur zur Verfügung stellen würden. Selbstverständlich werden wir nicht die gesamte angegebene Literatur gleichermassen gründlich behandeln; im Mittelpunkt stehen die Arbeiten Freuds und Ferenczis sowie das gemeinam von Rank und Ferenczi publizierte Büchlein.

Literatur:

Otto Rank und Sandor Ferenczi: Entwicklungsziele der Psychoanalyse. Wien 1996
Sandor Ferenczi: Ohne Sympathie keine Heilung. Das Klinische Tagebuch von 1932. Frankfurt a.M. 1988
Sigmund Freud: „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“. In: StA, Ergänzungsband, S. 205 – 215
Sigmund Freud: „Bemerkungen über die Übetrragungsliebe“. In: StA, Ergänzungsband, S. 216 - 230

Sigmund Freud und Sandor Ferenczi: Briefwechsel. Band III, 1 u. 2., Wien, Köln, Weimar 2003 u. 2005 (darin vor allem die Briefe von 1924 im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung um Ranks und Ferenczis „Neuerungen“)
Otto Rank: Technik der Psychoanalyse. Bd. I – III. Giessen 2006, S. 309 - 323
Alexander, Franz: Psychoanalysis and Psychotherapy. New York 1956, S. 35 – 102
Heinz Kohut: Wie heilt die Psychoanalyse. Frankfurt a.M. 1987, S. 102 – 122

Helmut Junker: Unter Übermenschen: Freud & Ferenczi. Die Geschichte einer Beziehung in Briefen. Tübingen 1997
Paul Harmat: Freud, Ferenczi und die ungarische Psychoanalyse. Tübingen 1988, S. 80 -146
André Haynal: Die Technikdebatte in der Psychoanalyse. Freud, Ferenczi, Balint. Frankfurt a.M. 1989, S. 11 - 75
Peter Schneider: „„Agieren, Wiederholen, Deuten“. In: Psychoanalyse und Philosophie. Jahrbuch 2005. Düsseldorf 2006, S. 12-29

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